Generation Beziehungsunfähig

Es gibt immer mal wieder Momente, in denen ich mich frage, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich an bestimmten Punkten meines Lebens andere Entscheidungen getroffen hätte. Es sind diese „Was wäre, wenn“-Momente, in denen ich mir mich in einer anderen Version meines Lebens vorstelle.

Oft beginne ich mein Leben mit dem Leben meiner Eltern zu vergleichen, an welcher Stelle sie standen, als sie in meinem Alter waren. Sie waren verheiratet, hatten ein Haus, Kinder und zwei Autos, alles war geordnet. Sie waren weiter als ich. So gesehen bin ich verglichen mit ihrem Leben gnadenlos gescheitert. Und damit bin ich nicht allein.

Wenn ich mich in meinem Umfeld umsehe, sind Kinder, Häuser oder Autos die Ausnahme. Die meisten Zwanzig- Dreißigjährigen, die ich kenne, besitzen nicht viel, und obwohl sie schon irgendwie gern Kinder hätten, empfinden sie es erst einmal noch als zu früh, Eltern zu werden – und natürlich wohnen sie auch nicht in Einfamilienhäusern, sie wohnen in WGs.

Man sagt ja, dass dreißig das neue zwanzig ist. Da passt es schon ganz gut, noch in WGs zu leben, und sich für Kinder noch zu früh zu fühlen. Das Etikett soll einem das Gefühl geben, noch Zeit zu haben. Spielraum.

Ein Freund von mir ist seit zwei Jahren Single. Obwohl er sich unter Wert verkauft und gnadenlos unterbezahlt ist, ist er zuversichtlich. Er ist auf dem Weg. Er hat mir einmal erzählt, warum ihn seine Ex-Freundin verlassen hat: „Ich bin beziehungsunfähig, hat sie gesagt, sie hatte immer das Gefühl, mit einem Single zusammen zu sein. Die Arbeit wäre mir wichtiger als sie.“

„Und? Hat sie recht?“, fragte ich nach einer kurzen Pause.

„Klar hat sie recht“, erwiderte er. „Der Job ist mir einfach sehr wichtig. Ich könnte mir nie vorstellen, was Mittelmäßiges zu machen, und harte Arbeit ist einfach der Preis, wenn man sich selbst verwirklichen will. Wir haben uns auch pausenlos gestritten, dieses ständige Problematisieren, das kann ich nicht gebrauchen, das wirkt sich alles auf den Job aus.“

Man muss dazu sagen, was der Begriff „Job“ heutzutage eigentlich bedeutet. Die Generation unserer Eltern hatte einen Beruf UND ein Leben. Es gab eine Trennung. Nach der Arbeit pflegten sie ihr Privatleben. Heute ist das verschmolzen. Ein Job ist heutzutage mehr als nur ein Job, ein Beruf hat den Anspruch einer Berufung.

Das liegt auch daran, dass keine Generation so zwanghaft in dem Bewusstsein aufgezogen wurde, etwas Besonderes zu sein wie die heutige. Darum war in keiner Generation der Wunsch so groß, sich selbst zu verwirklichen. Arbeit gilt als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, der eigenen Wünsche und Träume. Man trennt nicht mehr zwischen Arbeit und Leben. Wenn man seine Träume verwirklicht, empfindet man seine Arbeit nicht als Arbeit, sondern als Leidenschaft. Man unterscheidet nicht mehr zwischen Arbeit und Privatleben, sie sind miteinander verwoben. Die Grenze löst sich auf, auch durch unsere ständige Erreichbarkeit. Mit unseren Smartphones haben wir das Büro ja praktisch immer dabei. Der Mittelpunkt des Lebens hat sich auf den beruflichen Erfolg verlagert, ganz unbemerkt.

Das eigene „Ich“ ist unser großes Projekt, die Arbeit ist da ja nur ein Detail. Wir sind mit uns selbst beschäftigt. Wir werden zu unserer eigenen Marke. Die Frage, was unsere Individualität am treffendsten versinnbildlicht, beschäftigt uns wie keine Generation zuvor. Wir modellieren unser Leben. Wir arbeiten an unserer Karriere, an unserer Figur, und daran, unseren Traumpartner zu finden, als wäre unser Leben ein Katalogentwurf, dem wir gerecht werden wollen. Man entscheidet sich bewusst für Dinge, mit denen man sich einen angemessenen Rahmen für sein Leben zusammenstellt, die richtige Fassung gewissermaßen. Jedes Detail wird zum Statement, das unser Ich unterstreichen soll: Mode, Musikrichtungen oder Städte, in die man zieht, Magazine, wie man sich ernährt – und in letzter Konsequenz auch die Menschen, mit denen man sich umgibt. Im Spiegel habe ich schon vor einigen Jahren gelesen: „Früher ging das Leben so: Erwachsen werden, Beruf ergreifen, heiraten, Kinder und gut. Heute sind überall diese Stimmen, die flüstern, dass alles noch viel besser sein könnte: der Job, der Partner, das Leben und vor allem man selbst.“ Mit anderen Worten: Wir befinden uns in einem anhaltenden Zustand der Selbstoptimierung. Wir wissen, dass alles noch viel besser werden kann. Bis es perfekt ist. Das Problem mit dem Perfekten ist allerdings, das man diesen Zustand nie erreicht.

Die Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit, von der heutzutage so viel geredet wird, ist nichts anderes als das Streben nach universeller Selbstverwirklichung, nach vermeintlicher Perfektion. Man weiß einfach, dass es irgendwo noch jemanden gibt, der besser zu einem passt, der das eigene Leben sinnvoller ergänzt. Und so richtig bewusst wird es einem, wenn Beziehungsprobleme auftauchen. Man will sich in seinem Selbstverwirklichungsprozess nicht eingeengt fühlen. Nicht abgelenkt werden.

Vor einigen Monaten hat sich einer meiner Bekannten von seiner Freundin getrennt, und zwar mit den Worten: „Ich will jetzt noch mal so richtig durchstarten, und du bist nicht die richtige Frau dafür – du passt einfach nicht.“ Das ist ein unbarmherziger, aber auch sehr aufschlussreicher Satz, der beschreibt, wohin die Reise gehen kann.

Wenn das eigene Ego so groß ist, dass es unseren Partner ausblendet, wird schnell mal verdrängt, dass es in Beziehungen um eine gemeinsame Entwicklung der Persönlichkeit geht. Wenn man in einer Beziehung ist, lernt man sich selbst ja auch noch einmal neu kennen. Man sieht sich aus einer anderen Perspektive. Mit dem Blick des Partners. Er ist sozusagen der Spiegel. So gesehen sind Beziehungen eine gute Möglichkeit, sich als Mensch zu verbessern. Durch einen Blick von außen, denn Selbstwahrnehmung und Außenwirkung gehen selten Hand in Hand. Dieser Prozess führt natürlich immer mal wieder zu Konflikten, und wir sind immer weniger bereit dazu. Aber es ist ja nun mal so: Wer sich ausschließlich auf sich selbst beschränkt, verpasst eben auch alles andere.

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